Unser Buchtipp des Monats August 2011

Andreas Weber : Mehr Matsch !

Ullstein Verlag 18 ,00 €

Ausnahmsweise mal ein Sachbuch, das wir gerne unseren Kunden empfehlen möchten.
Wir haben mit Heide Roaten eine Expertin gefunden, die sich mit diesem engagierten Werk gründlich auseinander gesetzt hat. Wir bedanken uns sehr!

Der Autor, Jahrgang 1967, ist Philosoph und Biologe. Sein Buch Natur als Bedeutung erschien 2003; das Buch Alles fühlt 2008. Den Lesern kann er auch durch Artikel in GEO
bekannt sein.

Der Titel lässt ein praxisorientiertes Buch im Sinne der Öko- und Wildnispädagogik erwarten. Zum Teil ist es das auch – wie praktische Ideen für Lehrer und Erzieher am Ende und einige Literaturempfehlungen zeigen.

Indem aber gesellschaftliche Zustände und Selbstverständlichkeiten des Mainstreams kritisiert werden und Alternativen begründet werden, hat das Buch interdisziplinäre Weite und philosophische Tiefe.

Nicht nur Wildnisreste und Ruderalflächen schrumpfen; Kinder verbringen immer weniger Zeit draußen; Eltern transportieren sie immer häufiger im Auto, verplanen ihre Zeit immer mehr in pädagogisch wertvollen Kursen, wobei die kindlichen Räume rationalisiert werden.
Dies wird mit Untersuchungen besonders in englischsprachigen Ländern belegt. Das Sicherheits- und Überwachungsbedürfnis der Eltern für das Projekt Kind ist enorm (hierzu auch Handynutzung). In diesem Verlust der Kindheit sieht Weber den Siegeszug der Effizienz unserer Gesellschaft. Die Hoffnung auf den erstrebten schulischen und beruflichen Erfolg spielt dabei eine große Rolle. Wenn das Kind allein ist, nährt es sich von „Plagiaten des Lebens“: z. B. in Form von Videospielen und TV-Sendungen (S. 49).
Die Kritik beschränkt sich jedoch nicht nur auf die sozialen Veränderungen. Analysiert wird vom Autor, welche Haltung wir Erwachsenen infolge der psychologischen und pädagogischen Tradition seit Descartes haben: Die Rolle der Natur für die Entwicklung kindlicher Gefühle wird nicht nur ignoriert: Die Faszination durch nichtmenschliches Leben wurde z. B. von Freud unter den Generalverdacht von Unreife und Neurose gestellt. Das Bild der menschlichen Psyche ist von der hochgeschätzten Rationalität geprägt, es missachtet Emotionalität und Intuition. Der „kindliche Animismus“, von dem Piaget spricht, muss in der Entwicklung überwunden werden.
Die Bindungsforschung (Beginn mit John Bowlby) hat uns neue Erkenntnisse über die kindliche Entwicklung gezeigt. Dass die Bindung (zur Mutter) wesentlich für die gesunde Entwicklung ist, ist heute bekannt. Weber hält „haltende Naturelemente“ für genau so wichtig und fordert eine neue ökologische Psychologie. Weber ist schon dabei, diese zu entwickeln und damit pädagogische Mainstrem-Grundsätze zu torpedieren. „Begeisterung – nicht Funktionieren – ist der Kern der Gesundheit.“ So beschreibt er Erfolge der „tiergestützten Therapie“ von Cornelia Drees und Erfolge des Projekts von Gerald Hüther an ADHS-Patienten. So wie das geozentrische Weltbild überwunden worden ist, ist auch der Gedanke zu verwerfen, Tiere seien im Unterschied zum Menschen unbewußte Roboter. Emotionen sind evolutionär alt, bei allen Wirbeltieren kann das Hormon Oxytoxin gebildet werden, das bei Zärtlichkeit freigesetzt wird. Jaak Panksepp entwickelt eine die biologischen Arten übergreifende „affektive Neurowissenschaft“ (S. 89).
Die Wissenschaftskritik geht weit über derzeitige Standards hinaus: Es gibt kein Wissen, das nicht an Gefühle gebunden ist. Ebenso gibt es kein Objekt, das nicht von einem Subjekt hervorgebracht worden wäre.
Kinder brauchen kein ES, sondern ein DU, um ihr ICH zu entfalten.
Aufgrund der von allen Lebewesen geteilten Lebendigkeit verfügt das Kind in der Natur über eine verstehende Resonanz (S. 96). Kinder sind „Mystiker der Wahrnehmung“ (S. 106)

(Kommentar: Möglicherweise erscheint uns die Kritik an einer deterministischen Biologie zugänglicher als die von Weber vorgeschlagenen Alternativen. Wir sind eine Philosophie der Biologie kaum gewöhnt. Seine Begriffe, sein theoretisches Konzept ist gründlich erarbeitet. Im Anhang von Alles fühlt hat er wesentlich Begriffe erklärt.
In Natur als Bedeutung entwickelt er seine Theorie. Schöpferische Ökologie und
Biosemiotik geben die Richtung an. Angesichts eines technischen Naturverständnisses und technischer Lösungsversuche (wie Gentechnologie) gibt die Denkweise von Weber
Anlass zur Hoffnung – im Sinne eines Diskurses über die Frage: Wie wollen wir leben?)

Heide Roaten August 2011

Unser Buchtipp des Monats Juni 2011

Jean-Michel Guenassia:Der Club der unverbesserlichen Optimisten

Die folgende Rezension stammt von Sebastian Blottner, dem wir für seine Bereitschaft danken, uns diese zur Verfügung zu stellen:

Es war einmal in Paris, da gehörten Gitanes-Zigaretten und Sartre-Bändchen quasi zur Alltagskleidung gewisser Intellektueller. Feinsinnig und aus einer eigenwilligen Perspektive fängt Guenassia diese Zeit ein. Ein fulminanter Epochenroman.

Beschreibung: In schwarze Rollkragenpullover gekleidete, ernst dreinschauende und kettenrauchende Intellektuelle – das ist das erste, was einem zum Stichwort Existenzialismus einfällt. Und Paris natürlich, die Stadt, in der er seit dem Ende der fünfziger Jahre seine Blütezeit erlebte.

Jean-Michel Guenassia, 1950 in Paris geboren, hat diese Welt und ihre Protagonisten noch selbst kennengelernt und in einem grandiosen Roman festgehalten, von dem man getrost annehmen darf, dass es in ihm nur so wimmelt von autobiografischen Elementen. Bei seinem Erscheinen in Frankreich 2009 erregte dieser Wälzer großes Aufsehen und beförderte seinen Autor aus dem Stand in die Oberliga der französischen Literaturszene.

Erzähler ist der zwölfjährige Junge Michel. Seiner Familie geht es finanziell gut, der Vater ist ein Geschäftsmann mit Weitblick. Doch die Tragödie des Algerienkrieges, die mit dem wegen Mordes angeklagten Bruder zu einer familiären wird, überschattet die Idylle. Michel flüchtet sich ins «Balto», in dessen Hinterzimmer wir mit ihm zusammen den extravaganten Club der unverbesserlichen Optimisten kennenlernen.

Dort wirft eine ganz andere politische Katastrophe ihre Schatten. Der Club ist eine Versammlung von verschrobenen Figuren, hauptsächlich Emigranten aus dem östlichen Europa, geflohen vor dem Stalinismus. In ihrer Heimat waren sie erfolgreiche Schauspieler, Piloten oder Ärzte, im Exil sind sie mittellos. Im «Balto» trinken sie gemeinsam, erzählen von alten Zeiten oder spielen Schach. In Rückblenden erfahren wir von ihren Schicksalen und können ihren Feingeist bewundern. Selbst berühmte Intellektuelle wie Sartre lassen sich hier blicken.

Bewertung: «Der Club der unverbesserlichen Optimisten» ist ein ungemein facettenreicher Roman. Einerseits ein Familiendrama, andererseits ein sehr politisches Buch, das in vielerlei Schicksalen gleich mehrere politische Katastrophen des 20. Jahrhunderts spiegelt – so wie es auch die Existenzialisten getan haben, tun mussten, deren philosophische Diskurse Guenassia aufgreift. Symbolisch setzt der Roman mit dem Tod Sartres ein.

Guenassia verwebt die großen Themen mit ans Herz gehenden Einzelschicksalen, bleibt dicht an den Figuren und beschreibt ihr Milieu mit so feinsinnigem Humor, dass auf keiner der fast 700 Seiten je Langeweile einzieht. Die Faszination des Heranwachsenden Michel für die intellektuelle Dichte und historische Tiefe der Gespräche im Optimisten-Club teilt der Leser sofort – und kann sich an einem vorzüglichen Epochenporträt berauschen.

Jean-Michel Guenassia
Der Club der unverbesserlichen Optimisten

Insel Verlag 688 Seiten, 24,90 €

Siehe auch: Kultiversum

Unser Buchtipp des Monats Oktober 2010

Juan Gabriel Vasquez: Die Informanten

Juan Gabriel Vásquez: „Die Informanten“. Roman. Aus dem Spanischen übersetzt von Susanne Lange. Verlag Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2010. 381 S., geb., 22,90 €.

Verlagsinfo: “Voller Stolz schenkt der junge kolumbianische Journalist Gabriel Santoro seinem Vater , einem bekannten Rhetorikprofessor, sein erstes Buch.Er kann nicht ahnen, dass sein Vater diese Chronik einer befreundeten deutsch-jüdischen Familie mit einem Verriss in der größten Zeitung des Landes zunichtemachen wird. Mehr noch , dass er mit der Veröffentlichung seines Buches auf ein dunkles Geheimnis gestoßen ist.
Gabriel begibt sich auf Spurensuche, die ihn vom Kolumbien der dreißiger Jahre in die Gegenwart führt, und entreißt ein bis heute vertuschtes , unrühmliches Kapitel der Geschichte seines Landes der Vergessenheit.
Vasquez großes Thema ist die Erinnerung, die Rückkehr unserer persönlichen und politischen Albträume. In einer melodischen, bildreichen Prosa deckt er immer neue Schichten der historischen Wahrheit auf und dringt in seelische Abgründe vor.”

Mario Vargas Llosa:

“Juan Gabriel Vasquez ist eine der originellen neuen Stimmen der lateinamerikanischen Literatur.Sein Debutroman “DIE INFORMANTEN” , eine äußerst fesselnde Geschichte über die Schattenjahre unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg, zeugt von seinem Einfallsreichtum wie von der feinsinnigen Eleganz seiner Prosa.”

Eine sehr ausführliche“Rezension (von Paul Ingendaay) finden Sie bei FAZ.NET unter folgendem Link

Unser Buchtipp des Monats Juli 2009

Pieter Waterdrinker :Die Hochzeit von Zandvoort

Zum Inhalt:

Roman
Aus dem Niederländischen von:
Rainer Kersten
Gebunden, 437 Seiten,

Erschienen bei: Aufbau-Verlag
978-3-351-03221-0
22,95 € *) / 44,00 Sfr

Verlagsinfo:

Ein moderner Schelmenroman über das Verlangen nach Glück
Witzig, bissig, unterhaltsam: Kommunisten und Fabrikanten, Hausfrauen und Huren geben sich in diesem furiosen Roman ein Stelldichein. Eine Ballade über die niederen Instinkte, ein Sittengemälde der Wirtschaftswunderzeit – mit Verve und großer Fabulierlust erzählt.
Ein holländischer Badeort, Ende der 50er Jahre: Die Heirat der deutschen Wurstfabrikantentochter Lisa mit dem Holländer Ludo soll das Ereignis des Jahres werden. Doch die Braut täuscht ihre Schwangerschaft nur vor, und der Bräutigam hat sich beim Fremdgehen die Syphilis eingefangen. Als die Lokalzeitung berichtet, dass sich der Vater des Bräutigams im Krieg an jüdischem Vermögen bereichert habe, schlägt der Familie der Hass der Dorfbewohner entgegen: Kein Einheimischer will die eigens aus Köln angereiste Blaskapelle beherbergen. Und am Schluss erklingt statt des Hochzeitsmarschs Trauermusik. “Die an Fellini-Filme erinnernden Figuren taumeln über die 50er-Jahre-Bühne, die der Autor für sie geschaffen hat.” De Telegraaf
“Was kann der Mann gut schreiben!” Noordhollands Dagblad

Rezensionen zum Buch

Wir zitieren eine Rezension von dem bekannten Jugendbuchautor und Buchhändler*CHRISTIAN OELEMANN*:

Den klangvollen Namen Pieter Waterdrinker habe ich erst kürzlich wahrgenommen. Dass ich ihn nicht wieder vergessen werde, liegt am Roman „Die Hochzeit von Zandvoort“, den ich soeben gelesen habe und der mich auf eine Weise begeistert hat, dass ich am liebsten schweigen würde. Schweigen und auf eine gewisse Art Schauen, das möchte ich eigentlich bei diesem Buch. Doch mit Schweigen lässt sich keine Lektüre empfehlen, es sei denn, ein Freund, dem man vertraut, schweigt dergestalt.
Was für ein unglaubliches Buch! „Die Hochzeit von Zandvoort“ spielt in den späten Fünfzigern, einer Zeit also, als das Verhältnis zwischen Niederländern und Deutschen wegen des noch nicht lange zurückliegenden „Dritten Reichs“ äußerst gespannt war. Kein anderes Land als die Niederlande hatte, bezogen auf seine Einwohnerzahl, prozentual so viele Opfer des Nationalsozialismus zu beklagen; andererseits gab es in keinem anderen Land auch so viele Kollaborateure und Gewinnler. Diese Stimmung wird von Pieter Waterdrinker in einer Weise wiedergegeben, die ich bislang in keinem niederländischen und keinem deutschen Roman gefunden habe: Schlichtweg Brillant!
In einer Rezension des Bayerischen Rundfunks hörte ich, es handele sich um einen modernen Schelmenroman über das Verlangen nach Glück. Nein, dem kann ich nicht zustimmen, geschelmt wird in diesem gut 400 Seiten starken Buch wirklich nicht. Dennoch, die Lektüre wird zu einem überaus komischen Vergnügen; bissig ist das alles, ungeheuer bissig. Aber auch so ergreifend, dass ich manchmal gegen die Tränen kämpfen musste. Schwer zu ertragen, doch beglückend!
So genannte Kommunisten und veritable NSBler kommen durchaus vor, sie sind aber Randfiguren. Die Hauptpersonen, alle Mitglieder der Hoteliersfamlie Bagman auf holländischer Seite sowie die drei Benders aus Köln, sind im Grunde Leute wie du und ich – alle suchen das kleine Glück, kämpfen dabei gegen unbegründbare Vorurteile an und erliegen ihnen dennoch größtenteils.
Zandvoort, ein holländischer Badeort, 1958.
Die Heirat der deutschen Wurstfabrikantentochter Lisa Bender mit Ludo Bagman soll das Ereignis des Jahres werden, wird es aber nicht. Die Braut hat ihre Schwangerschaft nur vorgetäuscht, der Bräutigam hat sich beim Fremdgehen die Syphilis eingefangen.
Als die Lokalzeitung berichtet, dass sich Vater Bagman im Krieg an jüdischem Vermögen bereichert habe (was nicht stimmt, wie allerdings nur die Leser, nicht aber die Zandvoorter Zeitgenossen erfahren), schlägt den Bagmans der Hass der Einheimischen entgegen: Keiner will die eigens aus Köln angereiste Blaskapelle beherbergen. Und dann nehmen die Geschehnisse ihren komischen und traurigen Lauf …
Am Schluss erklingt statt des Hochzeitsmarschs Trauermusik.

Selten ist es mir so ergangen, als hätte ich das soeben Gelesene gleichsam als Film erlebt, doch hier war es so. Pieter Waterdrinker ist ein sprachvirtuoser Formulierer, ein kluger Erzähler, und dass in der deutschen Ausgabe seines Romans ärgerlich viele Druckfehler vorkommen, ist wahrlich nicht ihm anzulasten. Sehen Sie darüber bitte hinweg, lassen Sie sich auf eine ergreifende, eine spannende Lektüre ein und reden Sie mit Freunden darüber!
Solch ein Buch gibt es nicht oft. Es ist wirklich ein Glücksfall! „Die Hochzeit von Zandvoort“ sollte irgendwann Klassenlektüre für Abiturienten werden, mindestens europaweit. Sexszenen hin, Sexszenen her. Die gehören halt dazu. Die können auch Jugendliche vertragen, da bin ich ganz sicher.
Es gibt Wichtigeres als Harry Potter!

Ronsdorfer Bücherstube, Staasstraße 11 , 42369 Wuppertal
Telefon : 0202 / 246 16 03
Fax : 0202 / 246 16 04

Ronsdorfer Bücherstube

Pieter Waterdrinker in Krefeld am 27.07.09

Der niederländische Autor, der in Moskau lebt, war am 27.07.09 mit seinem Roman in Krefeld zu Gast. Im Crefelder Ruderclubgebäude erwartete ihn eine interessierte Leserschaft, die gebannt der Lesung und auch den engagiert vorgetragenen Erläuterungen des Autors lauschte. Eine erinnerungswürdige Veranstaltung!