RP am 14.04.2010
Der mit der Trompete flüstern kann
VON JÜRGEN KARSTEN
GREFRATH Wer Jazzimprovisationen mit so ausgefallenen Instrumenten wie Digeridoo und Berimbau hören möchte, hat dazu in der Region nur selten die Gelegenheit. Bei Karl Gross in der Grefrather Buchhandlung konnte man sie allerdings am Montagabend hören, perfekt gespielt von Markus Türk, begleitet von Manfred Heinen aus Mönchengladbach, mit dem er seit mehr als 15 Jahren zusammen spielt und auch das Duo „Furiosef“ bildet.
Duo versteht sich blind
Eigentlich sollte an diesem Abend der „Keith Jarrett Madagaskars“, Ghomi Rahamefy, spielen. Der aber hatte es nicht geschafft, sein Visum pünktlich zu bekommen. Seine geplanten vier Konzerte mit Türk muss deshalb jetzt Manfred Heinen absolvieren. Dass es aber auch ohne den madegassischen Pianisten ein ganz besonderer Jazzabend wurde, lag an dem außergewöhnlichen Können der beiden Musiker, die sich blind verstehen: Der Grefrather Markus Türk, der hier, wie er das nennt, seinen „Fahrradjob“ erledigt, denn er kann mit dem Rad nach Hause fahren, begeistert mit seiner souveränen Art. Er beherrschte nicht nur glänzend die Trompete, sondern auch Flügelhorn, Tenorhorn, Klarina, später das australische Nationalinstrument Digeridoo, und das von der Capoeira aus Brasilien stammende Berimbau. Wie Türk mit seinen Instrumenten spezielle Klänge kreiert, wie er damit schnauft und schmatzt, wie
es quietscht und quetscht, wie Ur
schreie und Tierlaute entstehen,
das ist schon faszinierend. Da wird
das Tenorhorn zur Posaune, die
Trompete zum Flüsterinstrument
oder zur Fanfare. Und begleitet wird der „Trompeten-Flüsterer“ Türk bei seinen gekonnten Jazzimpros mit dem ihm eigenen knarzigen, kernigen Sound von seinem so
passenden Partner Heinen, der einfühlsam, sich selbst fast verleugnend, dabei aber mit immer präsentem Pianospiel und fordernd mit viel Drive unterstützt.
Heinen stellt für den „k1einsten
Konzertsaal des Niederrheins“, im Schaufenster der Buchhandlung,
eigens sein Dämpfpedal um, damit das Piano sanfter klingt und nicht
zu aggressiv. Und so begleitet er
auch den ganzen Abend über — mit
viel Gefühl, aber fest zupackenden
Tastengriffen, ein exzellenter Pianist, der an diesem Abend weit
mehr war als nur Ersatz. Es war
schade, dass Ghomi Rahamefy, der
Mann aus Madagaskar, der schon für so viel Furore bei seinen Gastspielen am Niederrhein gesorgt hatte, nicht da sein konnte, aber — seinen wir ehrlich — vermisst haben wir ihn am Ende dann doch nicht mehr.
Volkslied als Zugabe
Das Duo Türk! Heinen kam nicht ohne Zugaben von der „K1einkunstbühne der großen Künstler“ und verständigte sich ausgerechnet auf ein deutsches Volkslied: „Es waren zwei Königskinder“, das wunderschön poetisch-lyrisch erklang.
Falsche Töne ausradieren
VON JÜRGEN KARSTEN
Montagabend im Konzert in der Grefrather Buchhandlung:
Der Künstler spielt auf der Berimbau, einem aus Brasilien stammenden seltenen Instrument. In einer
Musikpause ruft ein Knirps dem
Musiker zu: „Warum spielst Du mit
einem Radiergummi?“ Der Pianist
wirft schlagfertig ein: „Damit radieren wir unsere falschen Töne aus!“
Der zweite Musiker belehrt ihn:
„Das ist aber gar kein Radiergummi, sondern ein Stein“.
Wenig später fragt der Knirps
wieder laut in die Runde: „Warum
sind Dir die Papiere runter gefallen?“ Darauf der Pianist: „Schicksal!“
Und als der Kleine zum dritten
Mal öffentlich nachhakt: „Welche
Stücke habt Ihr gespielt?” erfährt er
von den Künstlern: „Gar keine, das
ist uns gerade so eingefallen. Und
so wie es kam, ist es auch schon wieder weggeflogen!”
Ja, besser kann man den Charakter von Jazzimprovisationen eigentlich gar nicht beschreiben. Der Knirps wird das im Laufe der Zeit bestimmt noch lernen.