Der neue BUCAY ist erschienen

Zähl auf mich

Jorge Bucay.Zähl auf mich (Cuenta conmigo)
Aus dem Spanischen von Stephanie von Harrach
.Meridiane 134.Ammann Verlag. Etwa 320 Seiten.
€19,95
ISBN: 978-3-250-60134-0

Nach dem großen Erfolg von “Komm, ich erzähl dir eine Geschichte” hat Jorge Bucay eine Fortsetzung seiner therapeutischen Geschichtensammlung geschrieben, die am 12.August erscheinen soll.
Die Verlagsinfo verheißt weiteren Hochgenuss:
“Fast 20 Jahre sind vergangen.Demian, der sympathische Protagonist aus “Komm ,ich erzähl dir eine Geschichte”, wird demnächst vierzig.Schon seit langem hat er den Kontakt zum “Dicken” verloren, den Therapeuten, der ihn gelehrt hat, das Leben anhand von Geschichten zu verstehen. Doch inzwischen steckt er wieder einmal in der Krise: Seine Ehe ist gescheitert, in seiner Familie geht es drunter und drüber, und auch beruflich sieht er sich neuen Herausforderungen gegenüber. Da tritt eine wichtige Frau in sein Leben, und diesmal will er nichts vermasseln. Der einzige, der ihn auf den richtigen Weg bringen kann, ist der “Dicke”…”

“ Irgend etwas war schiefgegangen bei mir, und ich wußte nicht was.Irgend etwas hinderte mich daran, glücklich zu sein oder zumindest auf dem Weg dahin. In diesen Tagen dachte ich mir Antworten aus, die mir Jorge gegeben hätte.” Ich muß mit dir reden”, schrieb ich auf einen Zettel. “Ich zähl auf dich!”

Leseprobe aus dem neuen Werk

Jorge Bucay

Zähl auf mich

Kapitel 4

Fünfzehn Minuten lang drückte ich immer wieder auf die Klingel. Nicht nur, weil ich inzwischen nicht mehr vor verschlossenen Türen auf einen Termin wartete, ohne mich vorher irgendwie bemerkbar zu machen, »um bloß nicht zu stören« (diese allererste Lektion des Dicken – da kannten wir uns noch kaum 20 Sekunden – war mir unvergeßlich geblieben), sondern auch weil ich immer wieder glaubte, ein Geräusch zu hören, ein Türenschlagen oder ein paar Schritte, und ich nicht ausmachen konnte, ob sie aus seinem Apartment kamen oder vom Stockwerk darüber.
Als schließlich das Telefon im Sprechzimmer klingelte, wartete ich gespannt ab.
Ich lauerte, fast ohne zu atmen, das Ohr an die Tür gepreßt, aber der Apparat klingelte noch mindestens fünf Minuten unbeirrt weiter, ohne daß jemand abnahm. Weder der Dicke noch seine Sekretärin würden das Telefon so lang ignorieren.
Ich mußte mich wohl damit abfinden, daß keiner von beiden in der Praxis war. Also schrieb ich meine Telefonnummer auf einen Zettel und bat Jorge, er möge sich bitte so bald wie möglich mit mir in Verbindung setzen. In den Satz »Es ist dringend«, der mir wie von selbst herausgerutscht war, fügte ich nachträglich ein NICHT ein und ergänzte: »Aber ich muß mit dir reden, Dicker.« An den Schluß setzte ich: »Ganz im Sinne dessen, was du mir vor fünfzehn Jahren gesagt hast: Ich zähl auf dich!« und unterzeichnete mit: »Demian«.
Ich faltete das Blatt zusammen und versuchte es unter der Tür durchzuschieben, aber der Spalt war zu schmal. Als ich in die Hocke ging, um es durch den Schlitz zu drücken, bekam ich den ersten Hinweis darauf, was sich später bestätigen sollte, denn ein Haufen Briefe versperrte den Türspalt. Ich überlegte, daß der Dicke meines Wissens jeden Tag Sprechstunde hatte und daher unmöglich soviel Post einfach liegenbleiben konnte. Genausowenig wie er zum selben Zeitpunkt Urlaub gemacht hätte wie seine Sekretärin.

In dem Augenblick kam eine Nachbarin aus der gegenüberliegenden Wohnung.
»Da ist niemand zu Hause«, sagte sie im Vorbeigehen. Ich folgte ihr bis zum Aufzug.
»Wissen Sie nicht zufällig, an welchen Tagen der Doktor Sprechstunde hat?«
»Er hält keine Sprechstunden mehr. Schon seit Jahren.«
»Ist er umgezogen?«
»Keine Ahnung«, sagte die Frau und stieg schulterzuckend in den Aufzug.
Ich schnappte mir meinen Rucksack und fuhr mit ihr ins Erdgeschoß, um den Hausmeister zu fragen.
Ein Kerl in meinem Alter öffnete die Tür: »Ja, bitte ?« fragte er.
»Sagen Sie, der Doktor aus dem vierten Stock, praktiziert der nicht mehr?« fragte ich ihn verzweifelt.
»Nein, ich hab ihn schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen. Ab und zu kommt ein junger Mann, vielleicht der Neffe, holt ein paar Mahnungen und haut wieder ab. Aber von ihm weiß ich gar nichts.«
»Hat er denn keine Adresse hinterlassen oder eine Telefonnummer?«
»Nein, vielleicht bei der Hausverwaltung…«
Ich bedankte mich und wandte mich schon zum Gehen, da fiel mir ein:
»Und Don José, lebt der noch?«
»Was für ein Don José?« fragte er zurück und bestätigte damit, daß tatsächlich eine Menge Zeit verstrichen war, nicht nur in meinem Leben, sondern überhaupt.
»Ach, ist nicht so wichtig, danke«, sagte ich und humpelte, noch viel stärker als bei meiner Ankunft, von dannen.

Wie konnte es sein, daß der Dicke nicht da war? War er umgezogen? Warum hatte er mir nicht Bescheid gegeben? Hatte er etwa keine Telefonnummer von mir? Wußte er nicht, daß seine Patienten ihn eventuell brauchen könnten? Verzweiflung überkam mich. Das war nicht fair. Ich mußte unbedingt mit ihm sprechen. Und er war einfach nicht da. Wie vom Erdboden verschluckt. Spurlos verschwunden, ohne den geringsten Hinweis auf seinen Verbleib.
»Verdammt!« schrie ich, bevor ich in ein Taxi stieg, das mich zurück nach Hause fuhr.
›Entscheidungsfreiheit ist ja schön und gut, aber mit dem Leben von anderen herumzuspielen, wie es einem grad in den Kram paßt, da hört der Spaß auf!‹ dachte ich, aber kurz danach wurde mir bewußt, daß ja eigentlich ich derjenige war, der gerade gern über das Leben des Dicken verfügt hätte.
›Was soll’s‹, sagte ich mir, ›von wegen verschwunden und so, wenn ich will, krieg ich schon raus, wo er hingezogen ist. Natürlich kann ich ihn suchen… Rausfinden, wo er praktiziert…‹
Ich gab dem Taxifahrer meine Adresse, schloß die Augen und hob das Bein ein bißchen an, damit ich den Knöchel auf dem Sitz ablegen konnte, ich hatte auf einmal höllische Schmerzen.
Der Fahrer vermutete wohl, ich würde mich nicht als besonders unterhaltsamer oder gesprächiger Fahrgast erweisen, und drehte das Radio an.
Aus dem Lautsprecher im Fond erklang die betörende Stimme von Juan Alberto Badía mit der Geschichte eines gewissen Pedro Valdez, offenbar ein Schreibtalent aus der Dominikanischen Republik, das mir bislang unbekannt war.

AN JENEM GEWISSEN Tag lagen auf dem Frühstückstablett, das der Kellner jeden Morgen brachte, nicht die üblichen sechs, sondern sieben Brotscheiben für seine Marmeladentoasts.
Das wäre ihm nicht weiter aufgefallen, wenn nicht die Busfahrkarte, die er eingesteckt hatte, als er aus dem Haus gegangen war, die Nummer 07070707 getragen hätte.
Für Señor Pérez war das nun mehr als bloßer Zufall. Es war ein Zeichen. Ein sonderbares Zeichen, zumal ihm sein Gedächtnis leichthin die Information zuspielte, daß er an einem 7. Juli geboren worden war.
Wie um solche merkwürdigen Ideen zu verscheuchen, schlug er willkürlich die Tageszeitung auf, es war kein Zufall: Seite 7.
Auf der Mitte der Seite prangte ihm das Foto eines Pferdes entgegen, das auf den Namen »Hopp hopp ins Glück« hörte und mit der Startnummer 7 im siebenten Rennen am morgigen Tag, einem Siebten, laufen würde.
Señor Pérez zählte die Buchstaben des Pferdenamens, es waren 16, er zählte 1 und 6 zusammen: Quersumme 7.
Und in einem archaischen Reflex hob er zum Zeichen der Dankbarkeit den Blick gen Himmel.
Am nächsten Morgen ging er zur Bank, hob seine gesamten Ersparnisse ab, und da sie ihm mickrig erschienen, nahm er eine Hypothek auf sein Haus sowie ein weiteres Darlehen auf.
Anschließend bestieg er ein Taxi, dessen Nummernschild, freilich, auf sieben endete.
Er traf auf der Pferderennbahn ein und setzte sein ganzes Geld auf das Pferd mit der Nummer 7 im siebenten Rennen; der Zufall wollte es, auch wenn er diesmal vielleicht ein bißchen nachgeholfen hatte, daß er seine Wette am Schalter 7 tätigte.
Nach seiner Einzahlung setzte er sich – er hätte schwören mögen, es war ohne Absicht – auf den Klappstuhl mit der Nummer 7 in der siebenten Reihe. Und begann zu hoffen.
Als das siebte Rennen gestartet wurde, sprang die Menge auf die Füße, und ein ungeheuerliches Tohuwabohu brach los; er blieb in aller Seelenruhe sitzen.
Das Pferd mit der Startnummer 7 setzte sich gleich nach dem Start an die Spitze und ritt unter Hufgeklapper, wirbelnden Staubwolken und dem Geschrei der Menge vor den anderen an der Tribüne vorbei.
Das Rennen endete Punkt sieben Uhr, und das Pferd mit der Startnummer 7 im siebten Rennen lief – alles hatte darauf hingedeutet – als siebtes ein.

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zum Autor:

Biogramm: Jorge Bucay

Jorge Bucay, geboren 1949 in Buenos Aires, Argentinien, ist angesehener Psychiater und Gestalttherapeut. Er ist in Argentinien, Mexiko und Spanien tätig. Als Autor von neun Büchern ist Bucay in ganz Südamerika und Spanien seit Jahren ein Begriff. Im Ammann Verlag ist mit großem Erfolg bereits erschienen: Komm, ich erzähl Dir eine Geschichte sowie die Geschichten zum Nachdenken.
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Jorge Bucay